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Reportage

Artikel in der Prättigauer Zeitung vom 1.3.2005

Und irgendwann ist man alt

(kis) Stehen Sie morgens selbständig auf? Kämmen Sie sich selber die Haare? Und wie sieht es aus mit der Intimwäsche? Viele ältere Leute können den Start in einen neuen Tag nicht selber gestalten. Sie sind auf Hilfe von Angehörigen, Bekannten und der Spitex angewiesen. Ein Einblick in das breite Band der Spitex-Arbeit.

«Nein, ich habe nicht gut geschlafen. Ich musste die ganze Nacht gehörig husten», erzählt Fräulein Davatz* und unterdrückt ein leises Röcheln, das dann zu einem trockenen Husten anschwillt. Es ist acht Uhr morgens. Im Zimmer schwebt der warme Duft des Schlafes. Neben dem Bett steht ein Nachtstuhl, der die Funktion einer Toilette übernimmt. Daneben liegt eine gebrauchte Windel, keine Kinderwindel. Fräulein Davatz ist tief in die Bettdecke eingemummt und streckt uns ihre Hand zum Gruss entgegen. Ihre Hand, die immer noch schlafwarm ist und durch deren Haut die Adern dunkelviolettblau schimmern. Um ihre Lippen spielt ein Lächeln.

Heute Morgen riss mich der Wecker aus dem Schlaf. Ich schreckte hoch, hetzte im wahrsten Sinne des Wortes zum Wecker, der in der anderen Ecke des Zimmers steht, und fühlte mich bereits gestresst.

Bewegung für die Lunge

Die Spitex-Mitarbeiterin Elsbeth Roffler, die heute Morgen für die Grund- und Behandlungspflege von Fräulein Davatz zuständig ist, leert den Nachttopf und hilft der betagten Frau aufzustehen. Elsbeth stellt die Gehhilfe bereit. Fräulein Davatz stützt mit ihren knochigen Armen, über die sich die Haut gläsern spannt, ihren Körper darauf ab. Ein Körper, dünn und zerbrechlich, der doch eine so schwere Last für sie ist. Elsbeth steht dicht bei ihr und unterstützt sie dort, wo sie dies wünscht. Fräulein Davatz atmet schwer. Die Anstrengung, ihren eigenen Körper ins Badezimmer zu bringen, ist Kräfte raubend. Ein Schrittchen, zwei Schrittchen, Pause. Sekunden und Minuten verrinnen, verlieren sich und bleiben stehen, wie die Küchenuhr, die seit unbekannter Ewigkeit fünf vor vier anzeigt. Und doch ist dieser unendlich weit scheinende Weg zum Badezimmer, der bei der alten Dame röchelndes Schnaufen und gurgelndes Aufstossen verursacht, gesund für sie. «Die Bewegung tut der Lunge gut. Dadurch kann einer Lungenentzündung vorgebeugt werden», hält Elsbeth fest und begleitet die Patientin bei ihren stockenden Schritten.

Heute Morgen hastete ich ins Badezimmer und versuchte gleichzeitig das Duschwasser anzustellen, Zahnpasta auf die Zahnbürste zu quetschen und aus den Bettsocken zu schlüpfen.

Soviel als möglich selber machen

Elsbeth Roffler ist ausgebildete Krankenschwester und arbeitet seit drei Jahren bei der Spitex Prättigau. «Ich habe Freude an meinem Beruf und liebe den Umgang mit den Leuten. Die Verschiedenartigkeit meiner Klienten fasziniert mich», beschreibt sie ihre Motivation. Diese Herzenswärme ist spürbar, wenn sie ruhig und mit sicherer Hand Fräulein Davatz beim Waschen hilft. Sie streift ihr das Nachthemd von den Schultern und wäscht die fast durchsichtig schimmernde Haut des Rückens. Die Wirbelsäule zeichnet sich spitz ab. Die Schulterblätter stehen kantig hervor. Und immer wieder fragt Elsbeth «Geht's?», «Ist es so gut für Sie?». Dabei fordert sie die Patientin auf, sich so weit als möglich selber zu waschen. Beim Gesicht klappt dies ganz gut. Doch bei der Intimpflege muss Elsbeth helfen. Fräulein Davatz ist zu schwach auf den Beinen. «Respekt, Achtung und Vertrauen sind die Grundsteine unserer Arbeit», hält Elsbeth fest.
Die alte Frau bückt sich leicht nach vorne und beginnt, ihre langen, grauen Haare zu kämmen, die ihr bis zu den Ellbogen fallen. Mit je einer Bürste in der Hand fährt sie sich selber bedächtig über die Haare. «Das tut gut. Das ist wie eine Kopfmassage», murmelt sie in ihrer gebückten Haltung. Nur frisieren kann sie sich nicht selber. Da steht Elsbeth wieder helfend zur Seite. Mit flinken Händen flicht sie zwei Zöpfe. Von hinten sieht Fräulein Davatz jetzt fast wie ein junges Mädchen aus. Doch der schwere Atem, der keuchend aus dem Mund entweicht, lässt diese Illusion platzen wie eine Seifenblase, und vor uns sitzt wieder dieser fragile, alte Körper.

Heute Morgen ärgerte ich mich über meine Frisur. Weshalb nur waren meine Haare so widerspenstig? Mit kurzen, schnellen Handgriffen versuchte ich, sie zu bändigen, und zähmte sie flüchtig mit einem Haarband.

Massage für die Beine

Wer hat eigentlich Anrecht auf Spitex-Pflege? Die Einsatzleiterinnen führen bei jedem Antrag zuerst eine Bedarfsklärung vor Ort durch. Dieses Formular geht dann zum Hausarzt, der die benötigten Leistungen bestätigt. Einer, der die Spitex-Pflege in Anspruch nimmt, ist Jan Gerber*. Mit offenem Mund sitzt er im Pyjama auf dem Sofa und wartet auf Elsbeth. Seine schlohweissen Haare stehen strubbelig vom Kopf ab. Er starrt auf einen imaginären Punkt an der Wand. Speichel läuft ihm langsam aus dem Mund, rinnt über die Falten beim Kinn runter und tropft auf seine blaue Pyjama-Hose. Elsbeth wäscht ihm mit einem Tuch das Gesicht. Sie entleert den Blasenkatheter in einen Topf. Dann beginnt sie mit der Körperwäsche. Still sitzt Herr Gerber da, die Hände im Schoss gefaltet und lässt die Wäsche über sich ergehen. Elsbeth versucht, ihn in eine Konversation zu verwickeln. Doch Herr Gerber mag heute nicht viel Sprechen. Wieder fixiert er einen Punkt an der Wand und hält seine Augen dabei halb geschlossen. Der Mund steht offen, wieder läuft der Speichel dem Kinn entlang. «Ziemlich lästig dieses Getropfe», ist alles, was er sagt. Elsbeth cremt ihm die Beine ein und strahlt dabei diese besänftigende Ruhe aus wie bei allen anderen Tätigkeiten auch. «Wichtig ist, dass man die Beine gut einreibt, um die Durchblutung anzuregen. Ebenso kontrolliere ich dabei, ob äusserliche Verletzungen bestehen.»

Heute Morgen schmierte ich hastig mein Gesicht ein. Ein Blick auf die Uhr, und schon eilte ich raus aus dem Badezimmer.

Pflege in gewohnter Umgebung

Elsbeth wird heute noch drei weitere Spitex-Einsätze im Prättigau tätigen. Sie ist mit einem der fünf Spitex-Autos unterwegs. Diese haben letztes Jahr insgesamt 128'710 Kilometer abgefahren, was in etwa einer dreifachen Erdumrundung entspricht.Am Abend wird eine Arbeitskollegin von Elsbeth Fräulein Davatz das Nachthemd über ihren mageren Körper streifen und sie auf die Toilette begleiten. Dann wird sie ihr helfen, sich aufs Bett zu legen. Ebenfalls wird sie ihr einen Bibelvers vorlesen. Fräulein Davatz mag das. Und dann beginnt wieder eine lange Nacht.

* Name von der Redaktion geändert